Bürgergruppe

Horst Sieland

Horst Sieland

"Das Stadtbild soll erhalten bleiben"

Wir versuchen den Leerstand abzuschaffen und die Bürger für die Sanierung der Fachwerkhäuser zu motivieren. Dadurch können vielleicht auch Bausünden verschwinden und neue vermieden werden. Meine Aufgabe in der Bürgergruppe ist die Beratung und Betreuung bei Baufragen aller Art. Kostenschätzung gehört dazu, damit der Käufer weiß, was auf ihn zukommen könnte.
Architekt / Jahrgang 1946
Tel. 05655-923861

Ausgangssituation

Im Jahr 2006 zählten Innenarchitekt Peter Geerk (verstorben 2017) und der Mediziner Dr. Helmut Pippart in Wanfrieds Altstadt 21 leerstehende Fachwerkhäuser. Gemeinsam fassten sie den Entschluss, den fortschreitenden Leerstand aufzuhalten und zu beseitigen. Der Betriebswirt Wilhelm Gebhard schloss sich den Plänen der „Ersten Stunde“ an. Gemeinsam mit Restaurator Thomas Schocke, Architekt Horst Sieland und  Architekturstudentin Antje Geerk begann die Gruppe unter dem Namen „Wohnen, leben und arbeiten in Wanfried“ ihre Arbeit. Sie nahmen Kontakt zu den Besitzern der Häuser auf und vermerkten diese in einem Leerstandskataster. Zeichnungen, Kostenschätzungen und Umbaupläne für ein Wohnen im Fachwerkhaus mit modernen Akzenten nach heutigem Wohn- und Energiestandart sollten für jedes Haus entstehen, Käufer gefunden werden. Das alles ehrenamtlich und unentgeltlich.

Die Gruppe hat derzeit 11 Mitglieder. Der Elektroningenieur Jürgen Rödiger ist der Sprecher der Bürgergruppe. Dieter Böttcher (Architekt), Harald Wagner (Versicherungsfachwirt), Dieter Franke (Grundstücks- und Gebäudegutachter), Peter Freiherr Roeder von Diersburg (Rechtsanwalt), Horst Sieland (Architekt), Erich Böck (Händler für Ökologische Baustoffe), Bürgermeister Wilhelm Gebhard und Diana Wetzestein (Fachwerk-Journalistin) arbeiten in der „Bürgergruppe für den Erhalt Wanfrieder Häuser“ ehrenamtlich zusammen. Seit 2009 bieten sie leerstehende Fachwerkhäuser auf einer niederländischen Internetplattform an. Der Tipp kam von einem holländischen Ehepaar, das von Wanfried und den Leistungen der Gruppe überzeugt war. Bürgermeister Gebhard investierte 300 Euro für die Veröffentlichung der Häuserangebote auf der Internetseite, die von niederländischen Freunden unentgeltlich auf dem neuesten Stand gehalten wurde.

Fazit nach drei Jahren:

Ca. 33.000 Internetnutzer besuchten bisher die Seite, 210 Kontakte entstanden, 115 Familien waren vor Ort, die Übernachtungszahlen in Wanfried stiegen sprunghaft an. 22 Häuser und ein Campingplatz wurden verkauft, Aufträge für mehr als 800.000 Euro gingen an ortsansässige Handwerker. Derzeit hat die Stadt etwa 4.253 Einwohner, Tendenz wieder leicht steigend.


... und nach fünf Jahren:

Fast 60.000 Besucher waren auf der Internetseite der Bürgergruppe, hunderte Kontakte entstanden, viele Gruppen besuchten Wanfried und ließen sich von den Gruppenmitgliedern beraten. 34 Häuser und ein Campingplatz wurden verkauft, Aufträge im Wert von 1.700.000 Euro gingen an ortsnahe Handwerker. Die Gewerbesteuereinnahmen sind gestiegen.

.... und nach zehn Jahren:

Die dritte Generation der Internetpräsenz haben seit 2014 über 80.000 Besucher angeklickt. Mittlerweile sind von den einstmals 21 Häusern in der Altstadt nur noch drei zu haben. Insgesamt haben die Gruppenmitglieder 48 Gebäude und einen Campingplatz vermitteln können. Dort konnten Aufträge in Höhe von 3 Millionen Euro von ortsnahen oder ortsansässigen Handwerksunternehmen ausgeführt werden. Zwei historische Fachwerkhäuser wurden kompeltt saniert und energetisch sinnvoll für modernen Wohnkomfort hergerichtet. Das Fachwerkmusterhaus ist Bauberatungszentrum geworden. 

Einsatz und Erfolg

Vor allem der unentgeltliche Service der Gruppe kommt bei den Kaufinteressenten an. Zudem ist Bürgermeister Gebhard der erste Ansprechpartner für die potentiellen Neubürger. Er empfängt alle persönlich im Rathaus, macht mit ihnen den ersten Besichtigungsgang durch seine Stadt oder die Stadtteile. Das ist das Geheimnis des Erfolges, wie die Käufer immer wieder betonen. Das bedeutet für alle viele ehrenamtliche Stunden Arbeit. Fachwerkhäuser ab 7.000 Euro sind im Angebot. Und die sind sehr begehrt. Auch an Feiertagen und beinahe jedes Wochenende zeigen vor allem Gebhard, Rödiger und Sieland den Kaufinteressen ihren Powerpoint-Vortrag über die Gegend, die Infrastruktur und Geschichte der Stadt. Danach werden einige Objekte besichtigt. Termine werden seit Anfang 2009 beinahe zu jeder Tages- und  achtzeit gemacht. Niemand wird abgewiesen, die kostenlose Hilfe gibt es dann bei Notariatsterminen, Verhandlungen mit Banken und Versicherern und Behörden.

Auch nach dem Verkauf der Häuser werden die neuen Eigentümer nicht allein gelassen. Baubesprechungen mit Handwerkern, Bekanntmachen mit den neuen Nachbarn, all das ist für die neuen Mitbürger im Servicepaket der Bürgergruppe enthalten. Außerdem gibt es noch Einladungen zu öffentlichen Veranstaltungen im Ort und manchmal auch zu privaten Geburtstagsfeiern. Freundschaften wurden geschlossen.

Einwohnerplus

Der Werra-Meißner-Kreis, zu dem die Stadt gehört, gilt als Armenhaus in Nordhessen. Entlang der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze fielen kurz nach der Mauer auch die Betriebe, die bis dahin durch die Zonenrandförderung Arbeitsplätze sichern konnten. Wanfried wurde hart davon getroffen. Im Jahr 1990 hatte die Stadt noch 1.312 sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze bei knapp 5000 Einwohnern, im Jahr 2005 sanken die Zahlen auf 666 sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze und 4400 Einwohner. Als der damals 31-jährige Wilhelm Gebhard im Herbst 2007 ins Rathaus einzog, kam die Wende. Die sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätze stiegen langsam an. Im Jahr 2010 bis auf 734, zudem konnte ein Einwohnerplus von 0,5 Prozent um 21 Personen im ersten Halbjahr verzeichnet werden. Keine andere Stadt im Werra-Meißner-Kreis kann das vorweisen.

Medienwirksam

Dies alles blieb der Öffentlichkeit nicht verborgen. Fernseh- und Radiosender, Die Welt, Die F.A.Z. und viele andere berichteten über das „Erfolgsmodell gegen den demografischen Wandel.“ Ministerien, Denkmalpfleger und Demografiebeauftragte interessieren sich für die Bürgergruppe, geben sich praktisch die Klinke in die Hand und erörtern den Wanfrieder Erfolg.

Auch Oda Scheibelhuber, Leiterin der Abteilung „Stadtentwicklung, Raumordnung und Wohnen“ vom Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung aus Berlin besuchte die Stadt Wanfried. „Hier passiert praktisch, was wir theoretisch im Ministerium diskutieren“, sagte Oda Scheibelhuber im Oktober 2010 und stellte der Bürgergruppe für Öffentlichkeitsarbeit eine Förder-Summe von 45.000 Euro in Aussicht, die sie mit Bewilligungsbescheid vom März 2011 einlöste.

Ziele und Leistungen

Ziele
  • Neubürger integrieren
  • den Dialog mit den Bürgern suchen
  • Infrastruktur der Stadt erhalten
  • bezahlbaren Wohnraum schaffen und individuelles Wohnen ermöglichen
  • Wanfried noch attraktiver machen
  • Bausünden beseitigen und vermeiden
  • Historische Gebäude erhalten und sanieren
  • Leerstände verringern
Leistungen:
  • Begutachtung der leerstehenden Häuser
  • Beratung der Kaufinteressenten vor und nach dem Kauf
  • Kostenschätzungen
  • Finanzierungs- und Förderungsmodelle beraten
  • Beratung bei Ausführung von Eigenleistungen
  • soweit leistbar: Anfertigung von Skizzen und Architekturmodellen, Bauberatung und Betreuung
  • Erfahrungsaustausch:
    • Vorträge über Erfahrungen, Möglichkeiten, Finanzierungen u.a.
    • Im Gespräch mit Bürgermeister Gebhard, Diana Wetzestein und Jürgen Rödiger (auch in Ihrer Kommune)

Projekt - Fachwerkmusterhaus

Im Februar 2010 wurde während einer Sitzung der Bürgermeister der Interkommunalen Kooperation „Mittleres Werratal“ im Förderprogramm Stadtumbau West über die Verwendung frei gewordener Fördergelder gesprochen. Ein Teil des Geldes sollte für ein Fachwerkmusterhaus verwendet werden. Der Haken an der Sache: ein Zeitfenster von nicht einmal einem Jahr bis zur Abrechnung der Fördergelder. „Wir schaffen das, mit der Bürgergruppe!“, sagte Bürgermeister Gebhard damals. So kam das Fachwerkmusterhaus Wohnen nach Wanfried. Und genau da gehört es hin, schließlich gehört man zur Deutschen Fachwerkstädte e. V. und nimmt diesen Standort als Chance wahr.

Aus einem jahrzehntelang leerstehenden Fachwerkhaus am historischen Platz „Auf der Börse“ wird nun ein Musterhaus. Und anfangs wusste niemand, ob die wenige Zeit für Planung, Beschlüsse der politischen Gremien, Ausschreibungen und Ausführungen der Arbeiten ausreichen würden. Die Fördergelder sollten bis Februar 2011 abgerechnet sein, doch eine Zeitüberschreitung ließ sich letztendlich doch nicht vermeiden. Fertigstellung ist jetzt für Herbst 2011 geplant.

Realisierbar wurde das Projekt nur durch die Mitarbeit der Bürgergruppe, die in kürzester Zeit ein geeignetes Haus fand, bei der Planung mit im Boot war und auch nach Fertigstellung das Projekt betreuen will. Im und am Fachwerkhaus sollen verschiedene Gestaltungsmöglichkeiten demonstriert, Wandaufbauten, Dämmung, neue und alte wohngesunde Baumaterialien vorgestellt werden. Dafür rührte die Bürgergruppe auf Einladung des Landesamtes für Denkmalpflege Hessen auf der Denkmal 2010 in Leipzig die Werbetrommel und konnte für das Projekt Musterhaus namhafte Baustoffhersteller gewinnen, die sich mit Material und Know-how  bereits beteiligt haben.

Finanzierung

Für das einzige „Fachwerkmusterhaus Wohnen“ in Nordhessen geben das Land Hessen und der Bund 73,16 Prozent Förderung aus dem Programm „Stadtumbau West“, damit bleiben der Stadt noch 26,84 Prozent, die sie aus ihrem Haushalt finanzieren muss. Das sind etwa 62.000 Euro bei geschätzten Baukosten von 230.000 Euro. Die ausführenden Handwerksbetriebe haben ihre Angebote zugunsten des Musterhauses so gering wie möglich gehalten. In Mitmach-Seminaren werden Teile des Innenausbaus kostengünstig ausgeführt und so eine praktische Nutzung innerhalb der Bauphase angeboten. Das Fachwerkmusterhaus ergänzt die Vermarktungsstrategie von Bürgermeister Wilhelm Gebhard, der damit zeigen kann, wie wertvoll Fachwerk ist. Zudem nehmen Stadt und Bürgergruppe an der Fachwerk-Triennale 2012 teil.